Willkommen im Kinderland

 

Letzte Woche habe ich mich entschieden, das Mobiliar in meinem WG Zimmer aufzustocken. Wie immer, wenn etwas dergleichen ansteht, schoss mir sofort das Wort „Ikea“ in den Kopf – als wäre da eine seit meiner Kindheit nicht zu kappende Verbindung in meinem Gehirn, die mich bei der Frage nach neuen Möbeln sofort an diesen Begriff weiterleitet, als gäbe es in Deutschland nicht hunderte andere Möbelhäuser. Kann es sein, dass der Drang zum obligatorischen Ikea – Besuch inzwischen von Generation zu Generation weitergegeben wird, sich quasi bereits in den Genen des Menschen unseres Zeitalters befindet?

Während ich so vor mich hin sinnierte, fiel mir auch mein altes Ikea-Kinderland-Trauma wieder ein. Ja, das gute alte Smaland. Die Aufbewahrungsanstalt für die lieben Kleinen, damit die Großen in Ruhe einkaufen gehen können. Quasi eine Abschiebehaft auf Zeit.

Es gab kaum etwas, was ich als Kind so sehr hasste wie das Ikea-Kinderland. Es war laut, es war stickig, die Aufpasserinnen waren gelangweilt und schlecht gelaunt und es herrschte irgendwie so eine zwielichtige Atmosphäre. Überhaupt hegte ich gegen sämtliche dieser Verwahrungsanstalten, in denen einen die Großen einfach hinein zu stecken pflegten, eine gewisse Abscheu (Auf Platz 1 meiner Abscheu-Liste war der Kindergarten, dicht gefolgt vom Ikea-Smaland). Welches Kind wollte da bitte freiwillig hinein? Gut, vermutlich die, die ständig rum krakeelten und die Kleineren im Bällebad untertauchten oder sich einen Spaß daraus machten, andere Kinder mit Bällen abzuschießen. Schreckliche Menschen. Aus denen sind bestimmt später mal Wirtschaftslobbyisten oder AFD-Politiker geworden. Und dann der Name: Kinderland. Das klingt in meinen Ohren nach einem Ort, der unter dem Deckmantel der Verheißung die bloße Verbannung und Freiheitsberaubung beabsichtigt.

Noch heute, wenn ich bei Ikea einkaufe und am Kinderland vorbegehe, muss ich dem heftigen Impuls wiederstehen, die gelangweilten Aufpasserinnen zu Boden zu ringen, die Türe zum Smaland auf zu reißen und hinein zu rufen: Ihr seid jetzt frei! Lauft! LAUFT!

Aber selbst wenn ich dies machen würde, wäre es vermutlich für die Katz. Denn anscheinend scheint es genug Kinder zu geben, die sich tatsächlich darüber freuen, im Kinderland abgegeben zu werden! Wer kann das verstehen? Vielleicht wird aus solchen Kindern dann später mal die große, schweigende Masse werden. Wer nichts von kritischer Reflexion versteht, war bestimmt auch glücklich im Ikea Smaland, jawoll!

Aber Moment mal, aus irgendeinem Grund habe ich mich als Kind doch auch jedes Mal auf den Ikea Besuch gefreut, anstatt vor Angst zitternd die Horrorszenarien im Kinderland vor meinem inneren Auge vorbeiziehen zu sehen?

Stimmt. Der Grund erwartete einen regelmäßig am Ende jedes Ikea Besuches, nachdem die Erwachsenen sich eine ewige Zeit langweilige Dinge angesehen hatten und am Ende nicht mal das Plüschtier mitnahmen, das man sich ausgeguckt hatte. Ein sehr guter Grund, den man bereits riechen konnte, wenn man bei der letzten Station angekommen war. Und er heißt: Köttbullar! Mit Kartoffeln und Preiselbeersoße. Ich liebte Köttbullar. Von eventuellem Gammelfleisch oder nicht artgerechter Tierhaltung wusste ich noch nichts, also konnte ich mich auch nicht fragen, was ich da aß. Ich konnte einfach sorgenfrei diese leckeren Fleischbällchen genießen und wurde so ganz nebenbei eingeschworen auf die lebenslange Ikea-Tradition, die ich an meine Nachkommen weitergeben werde, eine endlose Kette, die sich wieder und wieder reproduziert und Ikea eine glorreiche Zukunft bescheren wird.

Es lebe die Kindheit!

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