Busfahren in LA II

Als ich letztens wiedermal in einen Landshuter Bus stieg, wurde ich sofort einer latent angespannten Atmosphäre gewahr. Die Gesichter, die werktags in den Sitzreihen sowieso schon griesgrämig und genervt drein blicken, schienen an jenem Tag noch ein bisschen griesgrämiger und genervter drein zu blicken. Ich sah mich um, jedoch konnte ich den Grund dieser allgemeinen Griesgrämigkeit nicht ausmachen – zumal sogar die Luft im Bus ganz angenehm und nicht von etwaigem Schweißgeruch oder Zwiebel-Odeur irgendjemandes ausgepackten Mittagessen geschwängert war.

Ich setzte mich also wohlgelaunt einer Frau gegenüber. Alsbald jedoch bemerkte auch ich den Grund für das allgemeine Missbehagen: ein Fahrgast in Form einer älteren Frau mit Gehwagen, die in einem fort vor sich hin schimpfte und anscheinend über alles, was sich um sie herum befand, lamentierte. Der Bus fuhr ihr zu schnell, die Fahrt dauerte ihr zu lang, die Menschen waren ihr zu unfreundlich usw usw. Dass sie dies wohl schon seit einer ganzen Weile zu tun schien, konnte ich an der Frau mir gegenüber bemerken, die mit den Augen rollte und vor sich hin murmelte: „Da hilft wohl nur die Notschlachtung.“

Tatsächlich schien die Alte die Atmosphäre im Bus regelrecht zu vergiften. Die Menschen starrten eisig vor sich hin und schienen benannte Notschlachtung vor ihrem geistigen Auge bereits vorzunehmen. Auch ich bemerkte, wie mit jeder weiteren Nörgelei meine gute Laune mehr und mehr schwand. Ich versuchte, weg zu hören, was natürlich genau den gleichen Effekt hatte wie dieses Spiel, indem es darum geht, drei Minuten auf keinen Fall an einen Eisbären zu denken. Gleichzeitig war es regelrecht faszinierend, wie eine einzige Person es binnen Minuten schaffte, mir so dermaßen auf die Nerven zu gehen. Diese Alte schien Übung darin zu haben.

Nach einer Weile änderte sich der Nörgelton. Anscheinend hatte die Nörgelfrau vor, an der nächsten Station auszusteigen, was vermutlich nicht nur mich mit Zuversicht erfüllte. Jedoch sollte auch dies nicht unkommentiert geschehen: „Jetzt muass I glei aussteig’n, aber wos is, wenn I hinfall? I kann doch nimma so, und koana hilft ma! Mei, d’Leit in da heutigen Zeit, koana hilft ma, und I bin doch ganz aloa und hob koan Mo nimma …“

Ein netter junger Student, der eben erst eingestiegen war, eilte hilfsbereit herbei: „Soll ich Ihnen helfen beim Aussteigen?“ Die Alte jedoch überhörte ihn geflissentlich und fuhr fort mit ihren apokalyptischen Befürchtungen: „I fall doch bestimmt hi, und koana hilft ma! Mei, früher hätt’s des ned geb‘n, dass einem koana hilft …“ „Aber ich helfe ihnen doch“, sagte der Student, dessen Tonfall nun schon leicht genervt klang. Auch dies wurde von der Alten überhört, die nur weiter über die Ungerechtigkeit dieser Welt redete und dass sie bestimmt hinfallen würde, da ihr ja keiner helfe. Im Gesicht des Studenten konnte ich bereits leicht rötliche Flecken erkennen, die von einem langsam aufkeimenden inneren Zorn zeugten. Ich stellte mir vor, wie der Zorn den Studenten schließlich übermannen, er die Alte beim Kragen packen, sie hin und her schütteln und anschreien würde: „ICH HELFE IHNEN, VERDAMMT NOCHMAL, ICH HELFE IHNEN!“ Dann würde er sie an der nächsten Station hinaus zerren und unter wütendem Gebrüll ihren Gehwagen mit einem Tritt hinausbefördern. Und alle Fahrgäste würden aufspringen, jubeln und Beifall klatschen …

Na gut, da ging die Phantasie wieder mit mir durch. Die Realität sah so aus, dass die Dame an der nächsten Station schließlich mit vereinten Kräften von Student, Busfahrer und weiterem Fahrgast höflich nach draußen geleitet wurde. Als der Bus wieder anfuhr, ging ein Aufatmen durch die Reihen, das wahrscheinlich noch drei Straßen weiter zu hören war. Durch das Fenster konnte ich sehen, wie die Frau zügig und ziemlich rüstig mit ihrem Wägelchen den Gehsteig entlang eilte. Da ging sie dahin, auf zu neuen Gelegenheiten, über diese Welt zu jammern.

Mir jedoch wurde plötzlich bewusst, was der Ausdruck „sich seine eigene Wirklichkeit schaffen“ tatsächlich bedeutete. Nein, es gibt keine objektive Wirklichkeit. Wir alle leben in unserer eigenen, und je nachdem wie wir geprägt wurden, ist diese für uns schlecht oder gut, sind wir den Dingen ausgeliefert oder nicht. Ich spürte plötzlich so etwas wie Mitgefühl für die alte Dame. Ich hoffe, dass mein Fokus auf das Schöne im Leben fällt, wenn ich mal alt bin. Oder, dass ich danach immer noch genug gute Freunde habe, die mir, wie jetzt auch schon, in den Arsch treten, wenn ich anfange zu jammern.

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