Frühlingsgefühle

Gebannt sitze ich mal wieder dem Frühling gegenüber und weiß nicht so recht, was ich zu ihm sagen soll. Die Leute stürzen sich in die lang ersehnten wärmeren Sonnenstrahlen, bald werde ich dem ersten Menschen in FlipFlops begegnen, der es wiedermal nicht erwarten kann und sich sommerhungrig die Zehen abfriert.

Ja, ich sitze dem Frühling gegenüber, wie jedes Mal fällt es mir schwer, die richtigen Worte zu finden: „Du, ich konnte schon immer schlecht mit Veränderungen umgehen …“

Verdammt, da verfluche ich den ganzen Winter lang die dumme Kälte, aber die ersten warmen Sonnenstrahlen, die ersten Krokusse, die ersten Vögel, die von ihrer Reise zurück kommen, lösen in mir beinahe so etwas wie Wehmut aus. Wieviel ist gewesen, und was wird sein? Schon gerate ich in mein wohlbekanntes melancholisches Schriftsteller-Grübeln. Frühling lässt sein zartes Band wieder flattern durch die Lüfte – nikotinverqualmte Düfte streifen ahnungsvoll das Land, was an der Tussi in Leoparden-Leggins liegt, die grade ihre Kippe ins Gras wirft. Alle Vöglein sind schon da, alle Vöglein, alle … nur vielleicht die Turmschwalben und Mauersegler nicht, die aufgrund der immer größer werdenden Insektenknappheit nichts mehr zu fressen finden, entkräftet zu Boden fallen und dann langsam verenden.

Schöner Frühling, komm doch wieder,

Lieber Frühling, komm doch bald,

Bring‘ uns Blumen, Laub und Lieder,

Schmücke wieder Feld und Wald!

War August Heinrich Hoffmann von Fallersleben einfach nur naiv? Also, wenn das aus meiner Feder stammen würde, hieße es eher:

Schöner Frühling, komm doch wieder

Lieber Frühling, komm doch bald

(solang es dich noch gibt und du nicht der Klima-Erwärmung zum Opfer fällst)

Bring uns überzüchtete Osterglocken in Blumenläden, Feinstaub von hässlichen Sportwägen irgendwelcher Proleten und den neuesten Pop-Ohrwurm in den Radiocharts, der genauso klingt wie jeder andere

Schmücke glyphosatverseuchtes Feld und Nutz-Wald!

 

Wenn ich diese beiden Varianten vergleiche, merke ich, wie zynisch und abgestumpft ich eigentlich bin. Vielleicht ist es keine Naivität, die Dinge einfach mal ohne Komplikationen zu sehen? So wie Kinder, die sich über den ersten Schnee genauso freuen wie über die ersten Frühlingsblumen. Wieso haben wir dummen Erwachsenen diesen Blick verloren? Wieso schreiben wir ellenlange Bücher über Sein und Nichtsein, haben aber eines der essentiellsten Gefühle – die Freude – verlernt? Und schöpfen nun z.B. Spaß daraus, Fremde über digitale Netzwerke zu dissen?

Da ist gleich mal wieder eine Songzeile von Ani diFranco in meinem Kopf:

And you can talk a great philosophy

But if you can’t be kind to people it doesn’t mean that much to me …

Ich glaube, ich werde jetzt die Augen schließen und zurück gehen in die Tage meiner Kindheit. Ich weiß noch, wie gerne ich den Frühling mochte. Die ersten Schmetterlinge, die ersten Blüten an den Sträuchern, und das Frühlingsgedicht von Mörike konnte ich auswendig.

Ach, scheiß auf diesen ständigen Zynismus! Hier original, ungeändert und gänzlich unverdorben:

Er ist’s!

Frühling lässt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte;

Süße, wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land.

Veilchen träumen schon,

Wollen balde kommen.

—  Horch, von fern ein leiser Harfenton!

Frühling, ja du bist’s!

Dich hab‘ ich vernommen!

(Eduard Mörike)

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