Digga, ich schwör!

Hier nun ausnahmsweise mal eine ÖPNV-Story aus München. Gestern saß ich wohlgelaunt in der Münchner Tram, als zwei jugendliche Typen einstiegen und sich in ein Abteil hinter mir fläzten. Als sie anfingen, sich zu unterhalten, spitzte ich sogleich die Ohren, denn meine eigenen Jugendjahre sind ja nun schon eine Weile her und ich habe eigentlich keine Ahnung, worüber sich diese Jungspunde heutzutage so unterhalten. Falls mir an dieser Stelle jemand Spionage attestieren will, so muss ich zu meiner Verteidigung sagen, dass sich die beiden in einem öffentlichen Raum befanden und ich zweitens leider so strukturiert bin, dass ich sowieso nie weghören kann, wenn jemand sich in meiner Nähe unterhält, selbst wenn ich es wollte. Ich bin sehr schlecht darin, Dinge auszublenden. Wie nennt man das? Übermäßiges Aufmerksamkeitssyndrom? Komisch, das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ist in aller Munde, aber niemand weiß, wie sehr man auch durch Ersteres zu leiden hat. Ich jedenfalls wäre froh, wenn ich nicht alles mit anhören müsste, worüber sich die Menschen in meiner Nähe so unterhalten. Von überwichtigen Telefonaten am Business-Handy („Ja gut, also dann machen Sie die Expertise bis heute Abend und schicken Sie es mir, aber schnell, bitte!“) über private Telefonate („Oh Mann, ich hab solche Migräne heute. Und schlecht ist mir auch noch.“) bis hin zu absolut sehr sehr privaten Gespräche unter „vier“ Augen im Zug („Also, ich habe ja erst mit 16 meine Tage gekriegt.“) ist alles dabei. Und das Schlimmste dabei: Das meiste interessiert mich noch nicht mal. Oft genug langweile ich mich und würde am liebsten rufen: „Wann wird’s denn endlich spannend? Wann kommt endlich die Pointe?“

Aber das ist er nun mal: der Alltag. Ist der menschliche Alltag eigentlich wirklich so unspannend? Man stelle sich vor – wie interessant wäre es, käme jemand durch die Bustüre hinein, würde eine Bekannte erblicken und sogleich rufen: „Mechthild, du glaubst nicht, was mir gestern passiert ist. Ich ging morgens los, um das Krokodil abzuholen, das wir letzte Woche bestellt haben, doch auf halbem Wege traf ich eine Fee, die mir sagte, ich hätte drei Wünsche frei. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Als erstes wünschte ich mir eine Finca am Nordpol, zweitens, dass ich Teilhaber einer Hanfplantage im Allgäu würde, und drittens, und das ist wirklich der Hammer, das wirst du mir niemals glauben …“

Und? Seid ihr jetzt nicht auch gespannt, wie es weitergeht?

Oder, vielleicht noch eine andere Variante für diejenigen, die auf Soaps stehen: Gleiche Szene, gleiches Setting, nur mit anderem Text. Mechthild erblickt den Eingestiegenen und ruft: „Karl, du Schuft! Warum hast du mir das angetan? Und ausgerechnet mit Martina, dieser billigen Schlampe, dieser Nutte! Und das, nachdem ich dir erst letzte Woche meine Liebe gestanden habe! Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass du mich so dermaßen hintergehst!“ Sie geht mit ihrer Handtasche auf Karl los. Gleichzeitig erhebt sich im hinteren Teil des Busses eine Frau und ruft: „Lass ihn in Ruhe, du scheinheilige Kuh! Ich habe dich gestern erst mit Uwe gesehen!“ Die beiden blicken auf. Es ist Martina ….

Nun gut, ich wollte ja eigentlich von gestern erzählen. Wie schon gesagt wurde ich unfreiwillig Zeugin eines Gesprächs zwischen Jugendlichen. Um deren Erlebniswelt, Geistes-, Norm- und Wertehaltung auch vollkommen zu verstehen, habe ich besagtes Gespräch im Nachhinein einer sorgfältigen Analyse unterzogen, die ich hiermit meiner Leserschaft bereitstellen möchte.

„Digga, ich schwör!“

Analyse und Auswertung eines Gesprächs zwischen Jugendlichen in einer Münchner Trambahn

 

  1. Transkript

Typ 1 und Typ 2 betreten die Tram.

Typ 1: Digga, der Karl (Name geändert, Anm. d. Autorin) is so scheiße. Ey, der is einfach so scheiße, Mann.

Typ 2: Alta, ja ich weiß, der is so ein Wichser, Mann, Digga ich schwör.

Typ 1: Digga, wieso lässt du den überhaupt noch zu dir nachhause, Mann?

Typ 2: Mach ich nicht mehr, Digga. Das letzte Mal, Digga ich schwör, haben wir gesagt, wir zieh’n uns was rein, und was macht der Spast, Alta, als wir bei mir sind? Sagt, er hat sein‘ Schlüssel verloren. Haben wir also stundenlang sein Schlüssel gesucht, und dann sag ich, jetzt ziehn wir uns was rein und er meint, nee er geht nachhause, Alta ich schwör. So’n Spast, Mann.

Typ 1: Warte mal, Digga, meine Alte schreibt grade. Mann, die regt mich so auf, Digga, ich schwör. Die ganze Zeit fragt sie, wo bist du, was machst du, Mann. Und ob ich mit der Anna (Name geändert, Anm. d. Autorin) unterwegs bin.

Typ 2: Mit der Anna, echt jetzt, verarscht du mich, Alta? Willst du die bängen, oder was, Digga?

Typ 1: Ey Digga, so einer bin ich nicht, Mann. Ich bäng doch keine andere, Mann, dafür bin ich viel zu nett, Alta.

Typ 2: Hast recht, Digga.

Typ 1: Weißt Alta, ich bin echt viel zu nett, Mann. Bei uns im Verein ist einer, der denkt er spielt voll geil Fußball, aber in Echt ist der einfach nur scheiße, Mann. Alta, jedesmal wenn der den Ball hat, fang ich an zu zittern und denk mir: Oh Mann, verkack’s nicht, verkack’s bloß nicht! Aber ich sag dem nicht, dass er scheiße spielt, Digga, ich kann sowas nicht.

Typ 1 und Typ 2 verlassen die Tram.

  1. Auffälligkeiten:
  • Noch nie habe ich jemandem zugehört, der so viele „Digga’s“ und „Alta’s“ innerhalb eines Satzes unterbringen konnte.
  • Kernpunkte des Gesprächs: Drogen, Fußball, Frauen
  1. Analyse:

Obwohl Typ 2 Karl offensichtlich nicht leiden konnte, half er jenem dennoch in einer Notsituation, nämlich bei dem Verlust seines Hausschlüssels. Als der Schlüssel gefunden war, musste Typ 2 noch dazu darauf verzichten, „sich was rein zu ziehen“, weil Karl keine Lust mehr hatte. Obwohl Typ 2 Karl offensichtlich für einen „Spast“ hielt, hatte er sich dennoch bei der Suche des Schlüssels sehr hilfsbereit verhalten.

Typ 1 war offensichtlich genervt von seiner Freundin, da diese zur Eifersucht neigte und ihm sogar eine engere Beziehung zu einer gewissen Anna unterstellte. Typ 1 stellt sich jedoch als treu gegenüber seiner Freundin heraus, da er viel zu nett war, als dass er „eine andere bängen“ würde. Noch dazu stellte sich heraus, dass er eher zu Verdrängung und Unsicherheit neigte, da er es nicht schaffte, einem schlecht spielenden Kameraden seines Fußballvereins die Wahrheit über sein spielerisches Können zu sagen.

  1. Fazit:

Aus der Analyse des Gesprächs geht hervor, dass der Alltag heutiger Jugendlicher anscheinend nicht daraus besteht …

  1. … sich mit Drogen voll zu dröhnen (obgleich man nicht weiß, ob es dazu gekommen wäre, hätte Karl doch mitgemacht)
  2. … wilde Sexeskapaden mit unterschiedlichen Frauen zu haben
  3. … andere Teamkameraden im Ballsport aufgrund ihrer Unzulänglichkeiten fertig zu machen.

Noch dazu sind sie:

  1. Hilfsbereit
  2. Treu
  3. Überhöflich

Wie bitte? Passiert bei denen überhaupt mal was? Was würde da die 68er Generation bzw. die Generation meiner Eltern dazu sagen? Kein Sex, Drugs and Rock’n’Roll?

Ist der Alltag von Jugendlichen heutzutage schon genauso langweilig wie mein eigener?

Ich glaube, ich setz mich jetzt vor den Fernseher und zieh mir die nächste Soap rein …

Ein Kommentar zu „Digga, ich schwör!

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: