Die neuen Götter

Vor kurzem habe ich ein Zitronen-Duschgel mit der Aufschrift „Ich fühle mich überglücklich“ entdeckt. Andere Sorten hießen „Ich fühle mich fabelhaft“, „Ich fühle mich prickelnd frisch“ oder „Ich fühle mich bereit.“

Bereit wofür? Zum Duschen? Für dumme Slogans auf Duschgel-Verpackungen? Mal wieder fragte ich mich, ob ich eigentlich die Einzige bin, die es befremdlich findet, mit welchen autosuggestiven Slogans Duschgels mittlerweile so daherkommen. Da gibt es solche, die den Anwender anscheinend in einen drogenrauschähnlichen Zustand der Ekstase versetzen („Sweet Wonderland“,  „Fizzy prosecco party“, „Regenbogendusche“) oder solche, die einen anscheinend während dem Duschen in den perfekten Menschen verwandeln („Queen of the day“, „Traumgeschöpf“ „Wundermann“). Anscheinend haben Duschgels auch viel mit Magie zu tun, wie mir Aufschriften wie „Einhorn Zauberei“, „The mysterious one“ oder „Wild cherry magic“ verraten. Sind da etwa dunkle mysteriöse Mächte am Werk? Oder am Ende mal wieder die Freimaurer? Ein bisschen politisch darfs aber schon auch mal werden, zumindest nach der „Viva Cuba!“- Aufschrift eines weiteren Duschgels zu urteilen. Andere Aufschriften wie „Sei frech, wild und wunderbar“, „Sei frei, verrückt und glücklich“ oder „Lebensfreude pur“ geben mir weitere Rätsel auf. Irgendwie scheinen diese Duschgels bei mir nicht zu funktionieren, oder wieso verspüre ich beim Einreiben mit „Lebensfreude pur“ nicht auf der Stelle die pure Lebensfreude?

Trotz dieser Ungereimtheiten habe ich mich dennoch plötzlich inspiriert gefühlt und ein paar Ideen für ein paar neue Duschgel-Editionen entworfen, die ein bisschen näher dran sind am menschlichen Alltag.

Wie wäre es beispielsweise mit der Alltagssituationen-Edition? Mit Duschgel-Slogans wie „Scheiße, hab heute den Bus verpasst“, „Aua, hab mir den kleinen Zeh an der Türkante angestoßen“ oder „Wieso stehe ausgerechnet ich immer in der Schlange an der Kasse, wo eine alte Oma zwei Stunden zum Bezahlen braucht?“ kann man doch bestimmt den perfekten Alltagsmoment genießen.

Dann wäre da noch die Dumme-Sprüche Edition: „Alles bäm?“, „I bims, d1 Duschgel!“, „Alles scheiße außer Duschen“ oder „Maul halten und duschen, ihr Splasher!“

Sehr schön stelle ich mir auch die Duschgels aus der Philosophie-Edition vor. Ich sehe die Slogans schon vor meinem geistigen Auge, wie sie in schwarzer Schrift auf den Flaschen prangen: „Das Duschgel und das Nichts“,  „Unser Selbstbild, das wir von uns haben, ist nur ein Schatten, der sich auf der Duschwand abzeichnet“ oder „Ich verspüre ein diffuses Gefühl der Leere, was daran liegen könnte, dass ich nichts weiter als ein Staubkorn in einem unendlichen Universum bin und versuche, mithilfe von kitschigen Sprüchen auf Duschgelverpackungen der Sinnlosigkeit meines Daseins zu entfliehen.“

Okay, da geht es wohl grade wieder mit mir durch. Aber was, wenn es sich bei diesen Slogans tatsächlich um ein viel größeres Problem handelt als um irgendwelche g’spinnerten Werbe-Ideen? Früher suchte sich der Mensch Götter, von denen er sich Heilung, Glück und ewige Reinheit von menschlichem Makel versprach. Sind Duschgels unsere neuen Götter? Einmal bitte rein waschen mit dem neuesten Produkt aus der Marketingindustrie; den Schmutz abwaschen, bis ich als Queen of the day im Sweet Wonderland mit Regenbögen pupsenden Einhörnern verrückt, frei und glücklich um die Wette laufe. Religion ist Opium des Volkes, sagte Marx. Sind Duschgels unser neues Opium? Für mich sagen diese Aufschriften im Grunde nur aus, dass die Leute diese Produkte kaufen, weil sich in all den Jahrtausenden nichts an den tiefsten und essentiellsten Wünschen des Menschen geändert hat: Wir möchten glücklich, frei und sorgenlos sein. Befreit von Dingen wie Stress, Überforderung und negativen Emotionen. Und trotz aller technischen Errungenschaften haben wir diesen Zustand der andauernden Glückseligkeit im 21ten Jahrhundert immer noch nicht erreicht.

Ganz schön viel Anspruch an so ein Duschgel, das wieder hin zu biegen.

Man sehe sich also die magischen Bestandteile des Glücks aus der „Ich fühle mich überglücklich“- Packung einmal genauer an :  Sodium Laureth Sulfate (anionisches Tensid zur Schaumbildung) Cocamidopropyl Betaine (Schaumstabilisierer), Sodium chloride (Kochsalz), Parfum, Sodium lactate (Natriumsalz der Milchsäure), Citric acid (Zitronensäure), Sodium benzoate (Konservierungsmittel, kann allergene Wirkung haben),  Tetrasodium EDTA (Stabilisator, der gewässerbelastend und schwer biologisch abbaubar ist),  Citral (Duftstoff), Limonene (Duftstoff), Linalool (alkoholischer Duftstoff), CI 15510 (synthetischer Farbstoff, basiert auf Steinöl oder Steinkohle und ist oftmals hochallergen) CI 19140 (synthetischer Farbstoff, ebenso).

Hmmm, von Glück nicht viel zu spüren. Und lecker klingt es auch nicht.

Apropos lecker – nicht nur die Sprüche, auch die Geruchsrichtungen sind meiner Meinung nach immer interessanter geworden. Da kann ich also wählen zwischen Melonensorbet, Prosecco, Caipirinha, Fiji-Passionfruit, Bio-Mandelmilch-Vanille, Limonade, Baumwolle-Magnolie oder Frangipani & Perle. Bis auf die letzteren beiden hätte ich diese Sachen eigentlich lieber im Mund als auf der Haut. Aber wenn wir schon mal dabei  sind …  wie wär’s denn mit Tomate-Mozzarella oder Thunfisch-Zwiebel, damit das Sommerfeeling so richtig einsetzt? Für den Winter stünde mir der Sinn dann eher so nach Kasseler-Sauerkraut oder Warme-Kartoffelsuppe-mit-viel-Petersilie. Ich frage mich, warum diese Ideen noch keiner gehabt hat. Werde ich mal den Herstellern zukommen lassen.

Ansonsten möchte ich hier zum Abschluss noch Eckardt von Hirschhausen zitieren, der meiner Meinung nach die beste Idee aller Zeiten gehabt hat, was vielfältige Einsatzmöglichkeiten von Shampoo mit spezieller „Geschmacksrichtung“ betrifft (kann man bestimmt auch mit Duschgel machen): „Ich verwende meines jetzt immer als Dressing für den Salat. Hat bis jetzt noch jedem geschmeckt.“

 

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