Ein Sandkasten voll Diktatoren

Astrid Lindgren hielt 1979, als ihr der Friedensnobelpreis verliehen wurde, eine Rede, die damals große Kontroversen verursachte.

Sie sagte, über den Weltfrieden zu sprechen hieße, über die Kinder zu sprechen. Und über den Umgang unserer Nationen mit den Kindern. Sie machte Kindererziehung zu einem Politikum. Es sei bedrückend, dass Erwachsene, die das Potential dazu haben, Liebe zu zeigen und respektvoll miteinander umzugehen, stattdessen Hass und Gewalt an ihre Kinder weitergeben würden, sagte sie. Und es ist bedrückend, wenn man sich vor Augen führt, dass das Essentiellste, was Kinder für ihre Entwicklung brauchen – Liebe und echte Fürsorge – in vielen Familien nicht existiert. Vielleicht existiert so etwas wie Liebe, aber keine natürliche, sondern eine materielle oder eine, die an Bedingungen geknüpft ist. Oder eine, die ich nur bekomme, wenn ich nicht diejenige sein darf, die ich wirklich bin; wenn ich meine eigene Natur ignoriere.

Ich glaube nicht, dass dieses Thema heute, im Jahre 2019, an Aktualität verloren hat. Genau genommen könnte man bei vielem, was geschieht, von elterlichem Missbrauch sprechen. Hier geht es um einen Missbrauch der Macht durch Erziehungsberechtigte, eine nicht-achtsame Haltung gegenüber den eigenen Kindern. Es geht um eine Verleugnung der Bedürfnisse der eigenen Kinder, selbst wenn sie eventuell mit jeglichen erdenklichen materiellen Dingen ausgestattet werden. Kindern emotionale Bedürfnisse abzusprechen, ist ein sehr indirekter und doch sehr grausamer Akt des emotionalen Missbrauchs.

Und wenn ich mir die Herrscher verschiedener Nationen momentan anschaue, habe ich das Gefühl, genau zu wissen, was Astrid Lindgren gemeint hat. Egal, um welchen Diktator, Narzisten oder Selbstdarsteller es sich gerade drehen mag, sie alle sind irgendwann einmal Kinder gewesen. Über ihre Kindheiten lässt sich spekulieren, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass viele dabei sind, die alles bekommen haben, außer echte Liebe.

Leute, die nie den Umgang mit der Außenwelt richtig gelernt haben; das soziale Miteinander, und ja, auch den Umgang mit sich selbst, mit ihrem eigenen Körper und Gefühlen – diese Leute regieren jetzt riesige Länder. Und das Repertoire, das sie besitzen, um das Land zu gestalten, speist sich aus den Strategien, die sie als Kinder gelernt haben, mit ihrer Umwelt umzugehen. Das sind nicht immer die geeignetsten Strategien. Oder wieso erinnern mich Trump oder Kim Jong Un manchmal an Kinder, denen man im Sandkasten lieber nicht ihr Lieblingsspielzeug wegnehmen sollte? Im Grunde ist es nur dumm, dass es bei ihnen nicht beim Sandkasten-Spielzeug geblieben ist …

 

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