Albtraum im Herbst

Mal wieder ist es soweit. Wie jedes Jahr. Mal wieder habe ich es nicht kommen sehen, da ich es seit letztem Jahr wieder verdrängt hatte. Mal wieder trifft es mich unvorbereitet.

Ich habe mich nichtsahnend in den Zug nach München gesetzt, ein kleiner Abstecher in die Heimat. Und dann springen sie mir plötzlich in den Blick, diese zwei hochgestützten Brüste, die mir aus einem Dirndl-Dekolleté entgegen quellen. Ich wende mich schreckensbleich ab – doch da tritt schon das nächste grauenerregende Bild in mein Blickfeld: Eine Horde Lederhosen-Männer, allesamt mit hochrasierten Nazi-Frisuren und Bier in der Hand.

Oktoberfest!

Der Zug ist abgefahren, ich kann kein Ausweichmanöver mehr starten. Die Schienen tragen mich Richtung München, mitten hinein in die Höhle des Löwen, wo sich jedes Jahr zur Herbstzeit die Creme de la Creme der Wadlwärmer-Träger zusammentut, um in Horden über gebratene Ochsen und überteuertes Bier herzufallen, um Stunden später wieder auszuschwärmen, um die Stadt mit Proletengebrüll und Kotze zu überziehen.

Der Albtraum im Herbst, er ist wieder da!

Immer mehr Trachtler-Verschnitte drängen in mein Abteil. Hässliche Landlerklamotten neben Lederhosen-Turnschuh-Kombinationen. Lauter Leute, die sich einfach nur geil vorkommen, weil sie synchron uniformiert sind und somit ein Pseudo-Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugen können. Schon im Zug kommt Wiesn-Stimmung auf, die sich selbst durch mein grantigstes Gesicht nicht vertreiben lässt. Ein Typ mit Edelweiß-Ohrsteckern ist jetzt schon total besoffen und poltert lautstark schwadronierend durch die Gänge. Eine überschminkte Tussi rückt ihr Nutten-Dirndl zurecht.

Lasst mich hier raus!

Rettung naht eine halbe Stunde später, denn der Zug hält in Freising. Aber mein Fluchtmanöver geht schief, weil weitere Trachtler-Horden von draußen hineinrücken und mich wieder zurück ins Abteil schieben. Ich klemme zwischen den Dekolleté-Titten einer weiteren Dirndl-Frau und einem Wiesn-Hipster, der sich Sorgen um seine frisch gewienerten Haferl-Schuah macht.

Als der Zug endlich in München ankommt, bin ich nass geschwitzt mit Angstschweiß. Die Masse trägt mich nach draußen, hinaus auf den Bahnsteig, wo wir auf weitere Trachtler-Massen treffen, die sich in Strömen Richtung Festplatz begeben. Ich wehre mich nicht mehr, gehe unter im gemeinen Pöbel, werde einfach mitgeschleift. Je näher wir der Wiesn kommen, desto schlimmer werden die Zustände: Kotzhäufchen reiht sich an Kotzhäufchen, Bierleichen liegen stöhnend auf den Gehwegen herum. Diejenigen, die noch halbwegs gehen können, versuchen verzweifelt, ihre Kameraden zu retten.

Krieg, es herrscht Krieg!

Ich sehe das Ende bereits nahen, sehe die Festwiese bereits in nicht allzu weiter Ferne; da entdecke ich eine kleine Lücke im Menschengewimmel. Das ist meine Chance! Mit letzter Kraft rette ich mich in einen kleinen Laden, krieche über den Boden und lasse mich hinter einen Tisch fallen. Meine Klamotten sind zerfetzt, ich bin übersäht von Schürfwunden. Die Verkäuferin sieht mich fragend an. Ich stürze auf sie zu: „Retten Sie mich! Sperren Sie die Tür zu! Keine Fragen, tun Sie es einfach!“ …

So.

Wer mir jetzt vorwerfen will, dass ich eine Spaßbremse bin, dem sei hiermit gesagt:

JA! JA, bitte lasst mich diesen Wiesn-Idioten den Spaß verderben! Ich würde alles dafür geben, dass eines Tages diese Durchsage kommt: „Achtung, Achtung! Die Wiesn wird für dieses Jahr leider abgesagt!“ Und ich würde mich über jeden freuen, der mit grantigem Gesicht nach Hause geht und seine Trachtenscheiße wieder in den Schrank zurückhängt.

MUAHAHA!

 

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