Liebe in den Zeiten von Corona

Ich gehe heute einkaufen.

Ja.

Dieser banale Satz entpuppt sich im Jahre 2020 plötzlich als gefährliches Unterfangen.

Früher bin ich halt einfach zum einkaufen gegangen. Aber jetzt gibt es so viel zu beachten; so viele Fragen, die man sich stellen muss, zumindest wenn man – so wie ich – eine leicht hypochondrische Ader besitzt: Wann gehe ich am besten? Morgens, wenn noch nicht so viel los ist und noch nicht so viele Menschen mit ihren potentiell virusverseuchten Pfoten an die Einkaufswägen gefasst haben? Mittags, weil dann vielleicht schon Lieferungen eingetroffen sind von Dingen, die generell ausverkauft sind momentan? Oder abends, wenn alle Menschen, die sich gedacht haben, dass morgens nicht so viel los ist und deshalb morgens gegangen sind, schon wieder zuhause sind?

Ich mache mich schließlich doch morgens auf den Weg, bewaffnet mit selbstgenähtem Mundschutz, Desinfektionsmittel und der Einkaufsliste meines Bruders, der momentan mit seiner Freundin unter Quarantäne steht. Es ist eine lange Liste.

Das erste, was ich merke, als ich im Supermarkt bin: Durch den selbstgenähten Mundschutz beschlägt meine Brille durch meinen eigenen Atem. Halb blind taste ich mich durch die Lebensmittelregale. Vielleicht sollte ich sie doch wieder absetzen? Da kommen mir aber sofort die Worte von Christian Drosten, Vorzeige-Virologe der gesamten Republik, in den Sinn: Auf keinen Fall mit den Händen ins Gesicht fassen, wenn man unterwegs ist! Na gut. Dann bleibt die Maske halt dran, aber anscheinend ist Drosten kein Brillenträger. Überhaupt, dieser Christian Drosten. Für einen Teil der Bevölkerung ist er zwar unten durch, weil er mal gesagt hat, Schule sei wichtiger als Fußball, aber ich bin mir sicher, der bekommt mittlerweile auch Heiratsanträge per E-Mail. Ich muss ja gestehen, dass ich ihn auch schon gegoogelt habe. Vielleicht ist das so ein Ur-Instinkt des Menschen, wenn er sich in der Krise befindet – nach dem starken Mann suchen. Aber es hätte wohl niemand gedacht, dass der starke Mann eines Tages in Form eines nerdigen Wissenschaftlers daherkommen würde. Vielleicht ist er ja so ein bisschen wie Ned Flanders, der unscheinbare Typ von nebenan, der in Gefahrensituationen plötzlich seinen wohl trainierten Oberkörper entblößt. Christian Drosten, rette mich!

Ein bisschen interessant ist es trotzdem, denn heute bekomme ich zum ersten Mal Einblick in den Speiseplan meines Bruders, zumindest so gut ich den Einkaufszettel eben durch mein eingeschränktes Sichtfeld lesen kann. Was mir sofort auffällt, ist, dass keine Süßigkeiten draufstehen. Nichtmal Schokolade.

Nichtmal Schokolade???

Wie überlebt dieser Mensch?

Oho, zweimal Burrata. Nur vom Feinsten also. Und Bio Camembert. Ich finde tausend Sorten von Camembert, aber nicht Bio. Wieso muss es für den Herrn auch unbedingt grade jetzt Bio sein? Wo doch die ganze Welt eh schon in Flammen steht.

Mist, ich merke, mir ist die apokalyptische Sichtweise der Medien bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Den meisten anderen aber auch. Überall Menschen, die mit Mundschutz und Handschuhen durch den Supermarkt tänzeln. Jeder schiebt einen gefühlten 1,5 Meter Radius vor sich her, und sobald man diesem zu nahekommt, erntet man Blicke, die einem Todesurteil gleichkommen.

Aber die Corona Krise birgt auch ungeahnte Vorteile. Im Radio kommt ein Chart Song, einer von vielen dämlichen Chart Songs, und ich fange an, zwischen Konservenregalen auf der Suche nach Sauerkraut, lauthals mit zu singen. Normalerweise habe ich sowas immer vermieden, weil ich mir dann selber peinlich war. Jetzt ist alles anders. Unter dem vermeintlichen Schutz meiner Atemmaske scheinen irgendwie auch die Schamgrenzen zu fallen. Und außerdem ist doch sowieso schon Apokalypse und alles egal, warum sollte man da nicht einen peinlichen Chart Song vor sich hin trällern?

Als ich dann an der Kasse stehe, fühle ich mich irgendwie befreit. Ich finde, jeder sollte mal zum Singen in den Supermarkt gehen. Und bei meinem Bruder und seiner Freundin gibt es die nächsten Tage allem Anschein nach Schupfnudeln mit Sauerkraut und Linsen mit Kohlrabi.

Und wer sich jetzt fragt, was dieser ganze Text mit Liebe zu tun hat, dem kann ich nur sagen: Nichts, rein gar nichts. Aber diese Allegorie ist einfach toll. Okay, ich habe den Roman „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ nie gelesen, aber man könnte ja mal über eine Neufassung nachdenken. Zeitrahmen: Das Jahr 2020, globale Corona Krise. Setting: Ein deutscher Supermarkt. Protagonistin: Eine hypochondrische Brillenträgerin. Protagonist: Ein (mutmaßlich muskulöser) Vorzeige-Virologe.

To be continued.

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